
Karriere: Warum Frauen sich schwerer tun
Frankfurter Neue Presse (25. Oktober 1999)
Interview mit Martina Aron-Weidlich
Frauen auf dem Weg nach oben.
Sie haben sich entschlossen, einen Weg mit Hindernissen zu gehen. Auch in Frankfurt, Stadt des Geldes und der Geschichte, sind Frauenkarrieren noch eher selten. FNP-Redakteurin Annegret Schirrmacher hat welche aufgespürt - und mit einer Expertin gesprochen.

Nur 17 Prozent der Führungskräfte in Hessen sind Frauen. Dabei sind 53,8 Prozent der Abiturienten weiblich. Und unter den Hochschulabsolventen machen die Frauen noch 41,15 Prozent aus (1998). Warum? Oft sind es familiärere Gründe - Ehe, Kinder, Haushalt. Oft stehen die Hürden aber auch im Selbstbewusstsein der Frauen. Diesem Aspekt geht die Managementrainerin und Unternehmensberaterin Martina Weidlich auf den Grund.
Führungsstil in Unternehmen verändert sich. Haben Frauen im neuen Jahrtausend bessere Chancen?
WEIDLICH: Ja bestimmt. Die große Chance für Unternehmen der Zukunft liegt darin, weibliche und männliche Strategien zu verbinden. Frauen haben oft einen einfacheren Zugang zur lntuition, lassen rationale und emotionale Kriterien zur Entscheidungsfindung zu. Sie sind auch cleverer als Männer, auf zwischenmenschlicher Ebene Informationen zu bekommen - z.B. über Stimmungen bei einer Verhandlung oder innerhalb einer Abteilung. Unter anderem dadurch werden sie in Führungsetagen immer wichtiger.
Diese Anforderung gibt es ja nicht erst seit gestern. Warum sind nicht schon viel mehr Frauen auf verantwortlichen Posten?
WEIDLCH: Einer der vielen Gründe ist: Viele Frauen im mittleren und Top-Management sind anmaßend und führen nach dem Motto: „Wenn ich schon als Frau in dieser Position bin, dann muss es ausschließlich nach meinen Spielregeln laufen.” Doch damit kommen sie auf Dauer selten weiter. Ich bin davon überzeugt, dass sich Erfolg - und Veränderungen von Unternehmensstrukturen - dann einstellt, wenn ich die herrschenden Regeln respektiere, um sie dann gemeinsam mit anderen zu verändern.
Was heißt das konkret?
WEIDLICH: Das heißt, Frauen sollten ihre Stärken leben und gleichzeitig an männliche Strategien anknüpfen. Viele Männer haben zum Beispiel die Spielregeln der Aberkennung von Hierarchie verinnerlicht und reiben sich nicht so sehr. Viele junge Frauen, die frisch von der Uni kommen, denken dagegen, alle Menschen sind gleich - und sind häufig von der Arbeitsrealität schockiert. Die funktioniert nun mal nach klaren Hierarchien. Wenn Mitarbeiter ihrem Chef zeigen, dass sie dessen größere Erfahrung und Autorität anerkennen, haben sie ihn viel schneller in ihrem Boot.
Liegt das an einer typischen Art von Frauen, sich auszudrücken?
WEIDLICH: Ja, Frauen drücken sich oft schwammig aus. Wenn sie einen Gesprächstermin mit ihrem Vorgesetzten ausmachen möchten, sagen sie: „Könnte ich eventuell einen Termin vereinbaren, um mit ihnen etwas zu besprechen?” Das nimmt kein Mensch ernst.
Klingt nach Anbiederung.
WEIDLCH: Diese Gefahr besteht, wenn die innere Haltung dazu nicht stimmt. Es gibt typisch männliche Rituale, bei denen Frauen nichts zu suchen haben - und umgekehrt. Ich habe als einzige Frau in einer zwölfköpfigen Führungsmannschaft im Marketing für Herren-Oberbekleidung gearbeitet und an einem Vertriebstreffen übers Wochenende teilgenommen. Am ersten Abend saß ich mit den Kollegen zusammen - und bin nach dem zweiten Bier gegangen. Die Stimmung kippte, denn die Jungs wollten unter sich sein. Das hat mich damals sehr geschmerzt, weil solche Abende wichtig sind, um in die Gruppe hineinzukommen. Aber heute sehe ich, dass das richtig war: Männer sind anders als Frauen - das sage ich ohne jede Wertung -, und beide Seiten müssen das Gespür entwickeln, wann sie sich jeweils zurückziehen sollten.
Durch welche typisch weiblichen Eigenschaften stehen Frauen ihrem Erfolg selbst im Weg?
WEIDLICH: Frauen müssen lernen, deutlich zu sagen, was sie wollen. Viele meinen: „Der Chef müsste mich doch ansprechen, wenn er mich fördern möchte.” Sie empfinden es als unanständig, ihre Wünsche offen zu äußern.
Warum?
WEIDLICH: Der Chef spricht sie oft nicht von sich aus an - und sie schließen daraus, dass sie nicht gut genug sind. Das macht sie noch unsicherer. Sie fordern noch weniger. Eine Form von Konfliktscheuheit. Männer zeigen oft in kritischen Situationen kurz und deutlich Grenzen auf, der andere schüttelt sich dann, und die Sache ist bereinigt. Frauen laufen dagegen häufig um kritische Punkte herum, tragen nach und sind vorwurfsvoll. Das verwirrt Kollegen.
Das ist doch Charaktersache - kann man das ändern?
WEIDLICH: Menschen können sich verändern, wenn sie wollen. Es macht aber keinen Sinn, Frauen abzutrainieren „eigentlich” oder „vielleicht” zu sagen. Ich zeige ihnen vielmehr, welche Überzeugung hinter ihrer Aussage steckt. Nämlich: „Er hat sicher etwas besseres zu tun, als mit mir zu reden.” Wenn sie dagegen sagen: „Ich möchte gern einen konkreten Termin vereinbaren, um etwas Wichtiges mit Ihnen zu besprechen.” Damit drücken sie die Überzeugung aus: „Ich glaube, ich habe eine wichtige Information für meinen Chef, mit der er und ich besser weiter arbeiten können.” Eigenartigerweise empfinden Frauen einen solchen Satz als Drohung. Für Männer ist das eine ganz normale Vereinbarung.
Wie wichtig ist die Kleidung?
WEIDLICH: Sie ist in vielen Fällen Türöffner. Man sollte sich aber nicht anpassen und nur noch graue Anzüge anziehen, sondern sich gezielt überlegen: Wie platziere ich mich? Wen will ich für mich einnehmen? Und eins ist sicher wichtig: Weiblich, nicht nur Minirock zu tragen.
Welche Wirkung hat die Stimme?
WEIDLICH: Sie ist extrem wichtig! Viele Frauen haben's schwer, weil sie eine hohe Stimme haben, die schnell gepresst klingt. Ein Stimmtraining macht denn Sinn, wenn es mit der Frage kombiniert wird: Habe ich überhaupt Lust, den Raum einzunehmen, die Position auszufüllen?
Welche Schritte führen zum Erfolg?
WEIDLICH: Zuerst zeige ich den Teilnehmerinnen, wie sie anerkennen, was sie erreicht haben - also das „halb volle”, nicht das „halb leere” Glas sehen. Darin liegt die Quelle der Kraft. Dann sollten sie prüfen, ob sie Freude und Begeisterung, das „innere Glühen” für eine Aufgabe verspüren. Und es ist notwendig, ihre Ziele, Wünsche und Visionen detailliert und schriftlich festzuhalten. Eine Untersuchung von Absolventen der Yale University ergab: Diejenigen hatten fünf Jahre nach ihrem Abschluss im Durchschnitt überein doppelt so hohes Einkommen wie diejenigen, die nichts schriftlich festgehalten hatten. Sie waren überdurchschnittlich zufrieden und erfolgreich.